Einfach nur Montag

Ich habe eine große Sehnsucht nach Schlichtheit. Hinzu kommt eine gewisse saisonale Januar-Misanthropie.

An diesem Montag begann meine Irritation im Baumarkt. Ich wollte meinen neuen Coaching-Raum streichen und die Wahl fiel sehr schnell auf die hochdeckende, schnell trocknende Farbe. Weiß. Für eine Wand wollte ich dazu eine andere Farbe aussuchen und so strandete ich fasziniert im Farbsortiment. Obwohl ich keinerlei Interesse hatte, meine Wand grau zu streichen, sprach mich „dynamisches Platingrau“, „sanftes Seidengrau“, „Kunst der Linie“ aka „expressives Graphitgrau“, „Poesie der Stille“ aka „würdevolles hellgrau“ und nicht zuletzt „Nebel im November“ aka „melancholisches Mittelgrau“ besonders an. Mit leichtem Winterblues Farben kaufen scheint ungefähr so gefährlich, wie hungrig in den Supermarkt zu gehen. Ich versank noch eine Weile in warmen beige-gelben Welten, um dem entgegenzuwirken und verließ schlussendlich mit einem Stapel Farbkarten den Baumarkt. Mit einem leichten Bedauern über den Mangel eines simplen Farbkatalogs mit farblichen Abstufungen nach Zahlen.

Im Raum ging es dann, mit der entsprechenden Musik, zügig voran. Nach dem ersten Anstrich setzte ich Teewasser auf und in dieser kleinen Pause begann die nächste Irritation. Meine 2 Teebeutel schienen mir auf geradezu aggressive Weise Achtsamkeit abzuverlangen, präsentierten mir Antworten auf Fragen, die ich gar nicht gestellt hatte. Und das in einer Allgemeingültigkeit, die mir als Coach etwas peinlich wäre. 

„Das ganze Universum ist schön. Sei du es auch.“ Ich vermutete scharf, der Teebeutel-Autor hatte vermutlich vorher nicht das Buch „Das hässliche Universum“ gelesen. Daneben klebte jetzt feucht an der Teekanne: „Das Leben besteht aus einem kooperativen Miteinander“. Schön, aber wissen das auch die Kaffeetrinker? Als nächstes zog ich mit einer anderen Geschmacksrichtung noch: „Die Projektion gibt dir die Möglichkeit die Zukunft zu beeinflussen“. Das schob nun endgültig meine eh schon ausgeprägten Augenbrauen in die Schräglage. Meinte der Autor Visionen? Oder tatsächlich einen unreifen psychologischen Abwehrmechanismus? Mit dem beeinflusst man in der Tat die Zukunft.

Was mich provozierte, war die behauptete Einfachheit, die schon wieder angestrengt wirkt. Vor allem, wenn man einfach nur Tee trinken und einfach nur seinen Raum streichen will. An einem eiskalten, matschig grauen Januartag. Ich erinnerte mich daran, dass ich genau diesen Gedanken schonmal hatte, als ich nach einer OP aufwachte und mir eine Tasse „Glückseeligkeit“ ans Bett gestellt, wurde. Mit trockenem Keks. Zum Glück kein Glückskeks, der mir weitere Lebensweisheiten aufdrängt. Wo findet man nüchterne Teebeutel, die die Akzeptanz des Realismus‘ verkörpern. „Schön, wenn der Schmerz nachlässt“. „Matschiger Montagmorgen“. Ich hätte meinen Tee gerne ohne Lernauftrag und Lebenskonzept.

Ich schicke einem Freund mit ähnlichem Humor ein Foto von meinen Teebeuteltexten und er schickte mir direkt aus dem Supermarkt ein Regalfoto mit dem Tee „Teamspirit“ für sagenhafte 2,99. Da kann ich im Preisleistungsverhältnis mit meinen Team-Coachings nicht mithalten.

Dem Tee sei Dank dachte ich während des zweiten Anstrichs über meine Website nach, die ich gerade aktualisierte. Über meine große Lust, alles auf einen Satz zu reduzieren: Einfach nur Coaching. Ich untersuchte auch, warum ich grundsätzlich so wenig Lust verspüre, auf Plattformen zu posten. Und wie sehr ich, obwohl ich so viel Spaß habe an Sprache und Differenzierung, oft abgleite an aktuellen Begrifflichkeiten im allgemeinen Sendefluss. Wie sich Bedeutung überstrapaziert abnutzt. Was in mir dieses Bedürfnis nach Schlichtheit verstärkt. Und mein Bedürfnis nach Stille.

Ich schätze Verdichtung und Reduktion, sie kann aber, zu weit betrieben, echte Greifbarkeit beschädigen. Worte und Sinnbilder werden durch den inflationären Gebrauch redundant, faktisch sinnentleert und verbrannt. So werden auch schöne Worte vorübergehend unbrauchbar und müssen sich erstmal ein paar Jahre regenerieren.

Ich dachte spontan an die bildhafte Rückmeldung, die eine Führungskraft am Ende eines langen Entscheidungsprozesses bekam. Entwicklung und Qualifikation wurden ausdrücklich gelobt, aber es hätte eben einen Quantensprung gebraucht, um für die Position zu überzeugen. Nimmt man die Energiezustände von Elektronen jetzt ernst, wäre das also eine „kleine, insignifikante Veränderung“. Die gleich wieder ungeschehen gemacht wird. Für Elektronen Normalität, wenn sie auf einen höheren oder niedrigeren Energiezustand springen. 

Ich fände es eher beunruhigend, wenn Führungskräfte sich plötzlich und ohne Vorbereitung verändern, um dann ebenso abrupt in den Zustand vorher zurückzufallen. Wenn ich jetzt einfach mal annehme, dass eigentlich eine große Veränderung gemeint war, würde sich diese vielleicht vorher andeuten, aber erst im echten Einsatz beweisen können. Wenn neue große Aufgaben diese Kompetenzen einfordern. Erst dann könnten wir die Entwicklung und Potentialentfaltung nachhaltig beurteilen. Dem geht ein Weg voraus, meist ein sichtbarer, auf dem dieses Potential entdeckt oder bereits gefördert wurde. Oder sich selbst gefördert hat und einfach drangeblieben ist. Und genau für diesen Einsatz finde ich konkrete, ehrliche Rückmeldungen angemessen. Und zur Orientierung sicher besser geeignet als Quantenantworten.

Ich gebe zu, ich musste kurz Googeln. Und, ja, es gibt bereits Trampoline und Turnschuhe mit Quantenreferenz. Vielleicht ist es ja ironisch gemeint. Ob es wohl dezentes Quantensprungrau gibt?

Nach diesem, trotz Tee, fast meditativen Streichtag in gleichmäßigem Weiß glitt ich auf meinem Gedankenfluss zurück auf die nass-glatte Straße. Mitten auf der Strecke, ich hatte mich tapfer gegen die Windwand gekämpft, prangte an einer großen Straßenkreuzung ein Riesenplakat über meinem Kopf und riss mich aus meiner Gedankenwelt. „Du schaffst es!“ stand neben einer unglaublich gut gelaunten Frau, mit wenig bekleidetem, glänzendem, muskulösen Körper. Ich blinzelte durch den Schneeregen, steif von der Kälte, trotz dicker Schichten, die sich langsam mit Feuchtigkeit vollsogen. Ich fragte mich, ob ich es nicht motivierender fände, die gleiche Frau entspannt in einer Wanne zu sehen. „Du schaffst es, der Januar geht sicher vorbei!“ Oder schlicht auf dem Sofa „Es ist ok, bleib morgen einfach drinnen“. Etwas weniger angestrengt lächeln wäre auch gut. Mir fiel noch auf, dass das Plakat kalt-weiß wirkte.

Danach dachte ich herzlich wenig; ich war zu beschäftigt damit, auf dem Fahrrad gegen das Wetter anzufahren. Zuhause fühlte ich mich, nach einer heißen Dusche, auf produktive Weise erschöpft. In mir machte sich „gelassenes Mittelbau“ aka „die Quelle der Gelehrten“ breit. Und dass, obwohl ich eigentlich ein Grüntyp bin. 

Abends versuchte ich noch meiner Tochter, die adjektivreiche Farbpalette zum Einschlafen vorzuraunen. Das machte tatsächlich Spaß. Aber sie unterbrach mich abrupt: Mama, lass den Quatsch, ich will einfach nur schlafen. Und da ich Ehrlichkeit schätze, gab es dafür direkt einen Gutenachtkuss. Und das Licht aus.

Ich saß noch eine Weile still in meinem Sessel. Und genoss die Schlichtheit des aus-dem-Fenster-Schauens. Einfach nur Montag. Einfach nur Januar. Und trotz Januar, meistens produktiv, einfach so. Dazu Tee. Warm, passt.

Ich fühlte fast ein „zurückhaltendes Pastellgelb“ in meiner Sehnsucht nach Schlichtheit.